Vernetztes Stadterleben

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Wenn das nicht bequem ist: Die Taxiroller fahren lautlos am Sammelparkplatz vor. Per Sprachsteu-erung wird das Ziel eingegeben und los geht’s ins Herz der digitalen Wohlfühloase. Gut nicht nur für die, denen das Gehen schwer fällt. Es ist einfach leiser, schneller und bequemer, sich so durch die City zu bewegen.

Wer mit Brille oder Datenlinse unterwegs ist – wer selber keine hat, kann sich eine im Infoshop leihen –, kommt in den vollen Genuss der Annehmlichkeiten der größten begehbaren Online-Plattform Westdeutschlands, wie eine asiatische Zeitung neulich schrieb. Bochum hat voll auf die Verschmelzung von physischem und digitalem Raum gesetzt und sich zum Testfeld für ein neues Stadterlebnis gemacht. Die Zauberworte heißen Assistenz und Responsivität. Kein lästiges Umherirren, kein Warten auf den überforderten Service, jede Info ist immer nur zwei Gesten entfernt – oder gleich auf die Umgebung projiziert. Manchmal sind es ganz einfache Dinge: der kürzeste Weg zur nächsten kostenlosen Sitzgelegenheit oder zum gesuchten Shopping-Artikel, der Tipp für den Lieblingsimbiss der digitalen Freunde. Manche Dinge verschlagen einem immer aufs Neue den Atem, wie das Erlebniskaufhaus, das Shopping und Entspannung in virtuellen Umgebungen erlaubt, vom alten Rom bis zur Fantasywelt der Wahl. Schön, wie diese neuen Shopping-Erlebnis-Welten mit den traditionsreichen Händlern der Stadt zusammenspielen, die ihre Rolle als Kontrapunkt zur Glitzerwelt gefunden haben und mit Ortskenntnis und Service punkten. Von wegen Krise des Handels: Wer sich auf die neuen Realitäten rechtzeitig eingestellt hat, hat profitiert.

Mancherorts hat sich auch das Bild der Stadt massiv zum Besseren gewandelt. Der Cityeingang vom Bahnhof zur Huestraße wurde als eines von mehreren Stadtportalen neu gestaltet. Auch hier zeigen die Kopfbauten mit ihren responsiven Fassaden Shopping-Hinweise und Navigationstipps an – natürlich nur für die, die das wollen. Das Herz des neuen Stadterlebnisses ist aber das Quartier zwischen Kortum- und Viktoriastraße, das „Stadtband“ wie es die Bochumer nennen. Viele Obergeschosse wurden den Ladenlokalen zugeschlagen, von denen immer mehr überraschende Raumerlebnisse bieten: hohe Hallen mit hängenden Etagengärten, eingeschobenen Leselounges, Stege, die die Obergeschosse und Dächer der Stadt verbinden. Die dritte Dimension der Stadt gehört jetzt allen – ein ganz neues Raumgefühl. Große Veränderung auch am Husemann-Platz: Der Platz bietet seit einigen Jahren einen 400 Quadratmeter-Screenfloor – bei Bedarf der größte Freiluft-Tanzboden und Kommunikationsbildschirm im Ruhrgebiet. Jeder kann hier etwas projizieren – ein Wettbewerb der Kreativität, der jeden Samstag seinen Höhepunkt bietet. Wem das alles zu laut ist, zieht sich in die gute Stube am Dr.-Ruer-Platz zurück, wo das Digitale bewusst außen vor ist, oder an die Traditionsinsel an der Pauluskirche. Hologramme alter Mauern, Vogelgezwitscher und Pferdegetrappel unter einem luftigen, weitgespannten Zeltdach –hier sind die ganz alten Zeiten zumindest klanglich und visuell wieder hör- und sichtbar. Was für ein wohltuender Ort. Schön, dass die Stadt für jeden etwas bietet.