Neue Heimaten

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Die Innenstadt ist 2030 weit mehr als ein Ort des Handels, der Politik und der neuen Produktion. Mehr denn je ist sie Heimatort für viele Menschen, die hier wohnen, in Rufweite von den belebten Straßen der inneren City.

Schon immer war die Bochumer Innenstadt Wohnort, vor allem in ihren Randbereichen, wo sie ans Gleisdreieck stößt und in die umgebenden Viertel übergeht. Was sich lange wie ein zufälliger Rest frühen Alltagslebens anfühlte, erlebt seit einigen Jahren eine neue Blüte. Kleine Imbisse, Straßencafés, Schneidereien, die noch immer unvermeidlichen Friseure, die heute als inoffizielle Quartierstreffpunkte eine ganz andere Wertschätzung genießen. Auch außerhalb der belebten Einkaufs- und Maker-Straßen ist das Gleisdreieck bevölkert, wobei es in den kleinen Wohnvierteln viel familiärer zugeht. Kleine Beete in den Parkbuchten, Mikrogärten in den Lücken zwischen den Gebäuden und auf manchem Flachbau: Überall gibt es Orte zum Entspannen, die gemeinsam betrieben werden. Mal eben ein kleines Schwätzchen auf der Bank in der Mittagspause oder das Gesicht auf dem versteckten Holzdeck in die ersten Frühlings-Sonnenstrahlen halten? Jeder Straßenzug bietet Rückzugsorte und hat dabei seine ganz eigene Prägung – einer bunt, der nächste entspannt. Aber überall ist der öffentliche Raum zum entscheidenden Faktor für Lebensqualität geworden. So sehr, dass inzwischen auch die Leipziger kommen.

Der Westring ist ein Rückgrat der neuen Heimaten. Studenten, Senioren und junge Familien haben sich die Fünfziger-Jahre-Bauten erobert. Kaum zu glauben, was aus den schmucklosen Kästen gemacht werden kann, wenn man den Leuten Freiheiten lässt. So selbstverständlich die neue Buntheit heute aussieht, so beschwerlich war der Weg, bis das neue Leben in die Ladenlokale und die Höfe zwischen West- und Nordring eingezogen ist: Auflagen beim Umbau, skeptische Nachbarn, zu wenig Kunden in den Cafés. Aber nach und nach kamen die Leute. Und dass sich die Zahl der Imbisse und Cafés an-schließend verdreifacht hat, ist nicht zu jedermanns Freude. Wahrscheinlich ist es eine Frage der Zeit, bis die Metropolenmüden das Gleisdreieck vollends erobert haben werden.

Bis dahin herrscht das gute Miteinander der Ge-gensätze. Längst etablierte Zuwanderer der ersten Generation leben hier neben Kölnflüchtlingen und Ur-Bochumer Senioren, zehnköpfige Familien neben urbanen Singles und Studenten – ein fragiler Gleichgewichts-Zustand. Kaum ein Haus, kaum ein Block setzt dabei nicht auf digital vernetzte Nach-barschaft. Der Alltag wird ausgehandelt, ob es die Nutzung des Dachgartens, gemeinsame Aktivitäten auf dem Bürgersteig oder die Nutzung des früheren Ladens im Erdgeschoss ist. Genossenschaften haben sich gegründet, Baugruppen boomen, Kooperativen betreiben kleine Läden und Kinderkrippen. Neue Rituale werden zu Symbolen des Zusammenlebens, wie die Juliusstraßentafel, Bochums größtes Freiluftessen, oder die „Kortlandtaufe“, mit der neu Zugezo-gene vom Quartier begrüßt werden.

Viele ökonomische Kreisläufe sind – trotz aller Vernetzung der Einzelnen in die Welt – auf die Nachbarschaft konzentriert, beziehen ihre Kraft aus dem Bedarf vor Ort, aus dem Tausch von Dingen und Ideen. Gemeinsam wird die Mobilität organisiert, der kleine Gartenhof, in der Bibliothek der Dinge werden Utensilien geteilt, das Dogsharing freut alle, deren Wohnung zu klein für den eigenen Hund ist. Die Verteilung des Straßenraums zwischen Rad-, Fuß- und Autoverkehr wird dezentral ausgehandelt, Hauptsache, man kommt pünktlich an.

Nicht immer berühren sich die Kulturen, nicht immer bleibt das Miteinander das Idyll, das sich die ersehnen, die hierhin ziehen. Das Straßenfest, die Bar, die bis nachts geöffnet hat, der Dachgarten, der sonntags bespielt wird: Wo Gegensätze wohnen, bleibt auch Streit nicht aus. Aber auch der gehört zur Stadt, die sich entschieden hat, das Ideal des Dorfes urban neu zu interpretieren.

Ein Kommentar

  1. Hallo, anstelle eines Kommentars zu einer einzelnen Vision möchte ich einer grundsätzliche Stellungnahme abgeben:
    Wie in der Infoveranstaltung gestern dargestellt, geht es vor allem darum, Fördermittel zu bekommen. Aus meiner Sicht wäre es besser, auf alle diese Förderprogramme zu verzichten und stattdessen das Geld den Städten zur freien Verfügung zu stellen. Es werden nur noch Maßnahmen durchgeführt, die irgendwie gefördert werden. Maßnahmen, die nicht in ein Förderprogramm fallen oder außerhalb des Fördergebiets liegen, fallen heraus. Außerdem wird durch diese Förderprogramme eine ziemliche Bürokratie aufgebaut, die ebenfalls Geld kostet. Allerdings ist dies eine Sache der Landesregierung.
    Zur Bürgerbeteiligung: Diese ist sicherlich sinnvoll. Allerdings wurden einige wichtige Meilensteine in der Entwicklung der Bochumer Innenstadt gesetzt, ohne dass die Bevölkerung beteiligt wurde, nämlich die Entscheidung zum Kauf des Telekom-Blocks (dabei machte Herr Baltz ein gutes Geschäft), zum Abriss des BVZ und zur Anmietung teurer Büros im Viktoriaquartier.
    Schließlich gibt es einige Fehlentwicklungen aus der Vergangenheit, die nur tlw. korrigiert werden können. Während in vielen auch größeren Städten die Straßenbahn eine Renaissance erlebt, wurde diese in Bochum unter die Erde verlegt. Dann wurde der außerhalb einiger Feste zugige und öde Boulevard gebaut. Dieser sollte zumindest so verbessert werden, dass er mehr Grün erhält.
    Das wichtigste an einer Innenstadt ist immer noch der Einzelhandel und damit sieht es nicht gut aus. Das Niveau sinkt immer mehr (siehe TK Maxx) und im Textilbereich gibt es neben Baltz kaum noch Wettbewerb. Es stimmt nicht, dass der Internet-Handel den Einzelhandel kaputt macht. Positive Beispiele mit einem florierenden Einzelhandel sind z.B. Münster oder viele holländische Städte wie z.B. Maastricht, Groningen oder Arnhem, auch wenn diese natürlich mit einer schönen Altstadt und Touristen punkten können. Aber da kann man lernen, z.B. wurden alte Kirchen, Postgebäude u.ä, zu Geschäftszentren umgebaut. Auch der Ruhrpark leidet nicht unter dem Internet-Handel, sondern hat sich gut herausgeputzt. Hier sind sicherlich die Einzelhändler stark gefragt. Hier fehlt es in Bochum an entsprechendem Engagement.
    Noch einige konkrete Vorschläge: Die Fläche des ehemaligen BVZ dar, wenn der Abriss schon nicht zu vermeiden ist, nicht an den meistbietenden Investor veräußert werden, um den Umbau des Telekom-Blocks zu finanzieren. Hier könnten die VBW, Genossenschaften und Baugemeinschaften erschwinglichen Wohnraum errichten. Ein gutes Beispiel ist die Bebauung des ehemaligen Schlegelgeländes. Ein Umbau des Husemannplatzes ist nicht nötig, er ist zwar etwas chaotisch, wird aber von der Bevölkerung angenommen.
    Denkbar sind auch eine Fahrradtrasse vom Ehrenfeld zum Stadtpark über die Achse Viktoriastraße/Bongardstraße.
    Vor längerer Zeit wurde auch schon einmal vorgeschlagen, die Ringe zu einer Einbahnstraße zu machen und die frei werdende Richtung nur für Busse und Radfahrer zu nutzen und Aufenthaltsräume zu schaffen.
    Mir fällt bestimmt noch mehr ein, ich werde mich dann melden.

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