Die Stadt des produktiven Wissens

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Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Stadt des Nokia- und Opel-Fiaskos dereinst als Talent- und Wissensschmiede zum Zukunftsort Nummer eins im Westen Deutschlands zwischen Rhein und Ruhr werden würde? Das Wissen war schon immer eine wichtige Ressource für die Ökonomie Bochums. Aber erst durch das Zusammenspiel mit neuen Produktionsweisen und der Digitalisierung sind die Versprechen der Wissensgesellschaft wahr geworden.

Oft war vor 20 Jahren von der Rückkehr der Produk-tion in die Städte die Rede. Nur wenige Orte haben es wie Bochum geschafft, das Produzieren so sehr in die Mitte der Stadt zurückzuholen – in völlig neuem Gewand. Ob das On-Demand-Drucken von Kleidern, das Vor-Ort-Maßschneidern von Möbeln und Utensilien aller Art, ob das Mass-Customizing von Mobilgeräten oder das Selberbauen von Sensoren im Hackerspace: Heute ist „Made in FabTown“ ein Synonym für Bochums neue Produktivität geworden, die sich längst vom Gelände der um 2020 entstandenen Produktionsstadt gleichen Namens im Südwesten der Stadt gelöst hat.

Mit kleinen „Starterboxen“ hat die Garagenkultur angefangen, schnell gefüllt von Designern und kleinen Start-ups aus dem Uni-Umfeld. Gut, dass die Kneipen des Bermuda-Dreiecks und des Viertels vor Ehrenfeld um die Ecke lagen. Denn Spaß, Forschen und Machen gingen auch hier stets Hand in Hand. Entstanden ist ein urbanes „Wissens-Ökosystem“, bestehend aus Lernräumen für Studierende und der Uni vorgelagerten Bildungseinrichtungen, das sich längst in die Innenstadt ausgebreitet hat. Speziell zwischen Ostring und Blue Square finden sich verstreut in den Büroräumen und Ladenlokalen Projektbüros, Lernlabore, Bildungszentren, Lesesalons und Pop-up-Stores, in denen die Menschen der Region sich weiterbilden, erproben und austauschen können – ein Angebot, das sowohl Qualifizierten wie Orientierungslosen eine neue Perspektive gegeben hat, auch aus den Nachbarstädten. Hinter manchem Schaufenster in den Nebenstraßen haben sich die öffentlichen Labore und Arbeitsräume der Forschenden und Studierenden eingerichtet, zugleich Treffpunkte und Cafés, die ihre Stühle und Bänke im Sommer einfach auf den Bordstein stellen.

Das Zentrum der neuen ökonomischen Energie ist aber weiterhin die FabTown im Südwesten der City. Die sich immer wieder neu erfindende Energie des Bermudadreiecks ist längst auf den Stadtraum westlich der Viktoriastraße hinübergeschwappt und hat einen neuen Hotspot des Nachtlebens entstehen lassen, der schnell Heimat für Kunstschaffende und Designer wurde. Mit dem gegenüber des Riffs gegründeten Kreativ-Inkubator wurde das Gebiet Standort des größten Fablabs im Ruhrgebiet – eine Mischung aus Lernort, Produktionsstätte und Treffpunkt für Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft. Seitdem ist um das Fablab ein richtiges Quartier entstanden. Mit Hotel, Apartments, Clubs, Werkstätten und kleinen Atelierwohnungen ist hier die Nordrhein-Westfälische Antwort auf den Berliner Holzmarkt entstanden – ein Produktionsdorf mit Hightech-Apparaten und dem lässigen Charme der Maker-Szene. Hier wird das Erfahrungswissen der Ruhrgebiets-Veteranen in Szene gesetzt, das Wissen um das Reparieren und Basteln, das heute modisch Upcycling heißt.

Kulturhauptbahnhof, FabTown, Wissensboulevard, Justizzentrum: Die Orte der neuen Wertschöpfung haben der Innenstadt eine Kraft gegeben, die auch den Handel neu beflügelt hat. Denn so mancher, der heute die City als Cool Place schätzt, wäre früher nicht ins Gleisdreieck gegangen. Frequenz zählt – das wussten die Einzelhändler schon immer und freuen sich über die neuen Kunden, die durch eine völlig neue Nachfrage zur Erneuerung und Belebung manchen Warenangebots beigetragen haben. Als Ort der Produktion ist Bochums Innenstadt heute voller, bunter, bietet mehr Überraschungen und jede Woche Neues – ein Ort, der nicht mehr still steht.